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REPORTAGE

MIT FEUER UND FLAMME

Personen im Notfall schnell und sicher aus Aufzügen zu befreien, ist für die Berufsfeuerwehr Hannover Alltag. Daher üben die Feuerwehrleute regelmäßig den Einsatz an den Aufzügen und Rolltreppen der KONE Academy in Hannover. Wir waren dabei.

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er Aufzug zieht die Aufmerksamkeit der Kollegen auf sich: Schmal steht er da, der ProSpace™, in der Trainingshalle in seinem dunkelblauen Stahl-Glas- Schacht. Trainingsentwickler Roland Grunenberg erläutert die Sicherheitseinrichtungen dieses speziellen Aufzugtyps. Die Feuerwehrleute aber sehen nach mehreren Stunden Schulung den Aufzug mit ganz anderen Augen. Augenblicke später bleibt die Anlage mit zwei Kollegen stecken. Eigentlich sollten ja die Feuerwehrleute die Befreiung üben. Nun muss Grunenberg selbst ran. So schnell kann aus einer Übung Praxis werden ...

Die Academy hält alles bereit, was die Feuerwehrleute brauchen: Seilaufzüge mit und ohne Gegengewicht, eine Hydraulikanlage, alle möglichen Türantriebe und dazu die Rolltreppen, an denen die 17 Männer und die einzige Frau aus der Wachabteilung II der zweiten Feuer- und Rettungswache die Personenbefreiung üben.
   

REGELN, DIE HELFEN

Seit 2013 lässt Hannovers Feuerwehr ihre hauptamtlichen Mitarbeiter und den Nachwuchs im Trainingszentrum schulen. Anfang 2017 sollen alle Feuerwehrleute einmal den Kurs in der Academy besucht haben: knapp 400 Männer und Frauen, die sich auf die sechs Feuer- und Rettungswachen der Stadt mit insgesamt fünf Löschzügen und 15 abwechselnd diensthabenden Wachabteilungen verteilen.

„Befreiung von Personen aus Aufzügen ist für uns Einsatzkräfte durch die vielfältige Technik eine besondere Einsatzsituation“, sagt Brandoberinspektor Andreas Milter-Forsch, seit 27 Jahren bei der Berufsfeuerwehr. „Da ist es wichtig, wenn man sein Wissen – Jahre nach der eigenen Ausbildung – durch eine professionelle Schulung auffrischen kann.“ Zumal sich die Technik verändert. Als Milter-Forsch Feuerwehrmann wurde, galten mehr als zwei Drittel der Anlagenbestellungen Hydraulikaufzügen, während Aufzüge ohne Maschinenraum noch gar nicht existierten.

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Die Feuerwehrleute frischen ihr Wissen über Personenbefreiungen auf.

So weist Grunenberg die Kollegen immer wieder auf bestimmte Grundregeln hin: Sich erst einen Überblick vor Ort verschaffen; gleich an der Zutrittsetage die Schachttür mittels Notentriegelungsschlüssel einen Spalt weit öffnen und Kontakt mit den Eingeschlossenen aufnehmen; dabei die Antriebstechnik erkennen (Hydraulik oder Seil?) sowie die Lage des Maschinenraums (unten oder oben?), der bei Antrieben im Schachtkopf entfällt. „Wichtig ist auch, die Größe der Kabine und die Anzahl der Eingeschlossenen abzuschätzen“, sagt er. Denn davon hängt ab, ob und in welche Richtung der Fahrkorb bewegt werden muss und auf welcher Etage die Eingeschlossenen herausgeholt werden sollen.

Dabei ist die Rückholsteuerung die sicherste Methode, den Fahrkorb zur Evakuierungsetage zu bewegen. Anders bei einem technischen Defekt oder einem Stromausfall: „Dann muss der Hauptschalter ausgeschaltet und der Fahrkorb mechanisch bewegt werden“, sagt Grunenberg, der mit den Feuerwehrleuten die notwendigen Handgriffe für „Hydros“ und für Seilaufzüge übt. „Leichte Seilaufzüge können von Hand durch mehrmaliges vorsichtiges und kurzes Lüften der Bremse bis zur nächste Etage bewegt werden“, erklärt er. Nur Vorsicht, dass die Kabine dabei nicht nach oben „abgeht“. Kabinen (bei Aufzügen mit Gegengewicht), die mit weniger als der halben Nennlast „befüllt“ sind, bewegen sich eben nach oben, nicht nach unten.

„In der Academy gibt es eine große Bandbreite an Aufzugbauarten und Türsteuerungen, sodass sich uns hervorragende Ausbildungsmöglichkeiten bieten“, sagt Gregor Fleischmann, Sachgebietsleiter Aus- und Fortbildung und damit Chef der hannoverschen Feuerwehr- und Notfallsanitäterschulen.


SICHER IST SICHER

Geschätzt fünf bis zehn Mal rückt Hannovers Feuerwehr im Monat aus, um „Personen in Notlagen“, so die offizielle Formulierung, aus feststeckenden Aufzügen zu befreien. Meist werden die Retter von den Eingeschlossenen selbst alarmiert oder von den Hausbewohnern gerufen. „Manche wissen nicht, wie sie mit dem Notrufknopf in der Kabine umgehen sollen. Andere wollen helfen, wenn sie hören, dass Leute feststecken“, erklärt Fleischmann. Doch auch die Notrufzentralen der Serviceanbieter rufen die Feuerwehr, die in Hannover in den meisten Fällen in weniger als zehn Minuten vor Ort ist. „Das machen wir, wenn absehbar ist, dass die Befreiung nicht so zügig beginnen kann, wie es unter den jeweiligen Umständen geboten erscheint“, sagt Thomas Stark vom KONE Service Center, das auch Notrufe und Störungsmeldungen bearbeitet.

Zwar sollte die Befreiung innerhalb von 30 Minuten nach Notrufeingang starten, doch darf davon abgewichen werden: abhängig von Wetter- und Verkehrsverhältnissen, aber auch vom Befinden der Eingeschlossenen. Wenn diese den Mitarbeitern des Service Centers gesundheitliche Probleme melden, holt KONE die Retter, die dann mit einem Löschfahrzeug und einem Rettungswagen anrücken. Sicher ist sicher. „Anschließend kommt dann ein Techniker, um nachzuschauen, ob die Anlage ordentlich stillgelegt wurde und um mögliche Schäden zu beseitigen“, erklärt Stark.

Die geringsten Folgeschäden haben dabei die Einsätze der Feuerwehr, zumindest einer gut trainierten wie in Hannover. „Schweres Gerät wie eine hydraulische Rettungsschere ist nur das äußerste Mittel“, sagt Feuerwehrmann Milter-Forsch. „Ich weiß gar nicht mehr, wann wir die Hydraulikschere das letzte Mal eingesetzt haben.“

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