REPORTAGE

BERLINS SCHÖNSTER BLICK

Während draußen die Touristen vom Bahnhof Zoo zum Ku’damm ziehen,wird im Innern des Upper West gearbeitet, was Hammer und Bohrer hergeben. Bereits im Frühjahr 2017 soll das Ensemble aus Turm und Riegelbau mit den markanten Fassaden eröffnet werden – Zeit für einen Blick hinter die Kulissen.

N
och herrscht eifriges Treiben auf der Baustelle, doch ein Hingucker ist der Upper West schon jetzt. Zumindest von außen. Drinnen ist alles noch im Werden. Dort hantieren Vorarbeiter Vlado Balija und seine Mannen von der Montagefirma an drei Aufzügen parallel. In Windeseile, doch mit aller Präzision werden heute ein Tragrahmen und die metallenen Kabinenwände installiert. Derweil treibt die Sonne schwüle Wärme in den Rohbau. Balija stört’s nicht. „Winter ist schlimmer“, sagt der Kroate nur.

„Immerhin wissen wir jetzt, wie die Anlagen aussehen werden“, sagt Gunnar Dellin erleichtert. Pünktlich zum Richtfest Mitte Mai klopfte beim Züblin-Projektleiter der Hotelbetreiber an, der die untere Hälfte des Turms nutzen wird: Ob man nicht das Design der Aufzüge ändern könne. Dellin fragte bei Projektleiter Jens Albrecht nach, ob man da nicht was machen könne. Man könne. Innerhalb einer Woche war alles entschieden und eine Verzögerung im Bauablauf kein Thema mehr.

Geht das immer so reibungslos? „Es könnte nicht besser laufen zwischen uns“, lobt Dellin. Das will was heißen bei einem Großprojekt wie dem Upper West, bei dem so vieles im Fluss ist. Die fünf Hotelaufzüge, die die ersten 18 Etagen erschließen, sollten nach ersten Planungen erst Maschinenräume erhalten. Nach Beratung mit Albrecht entschied man sich dann für maschinenraumlose Anlagen. Damit konnten – noch vor Beginn der Rohbauphase – viele Kubikmeter umbauter Raum umgeplant werden: Über dem Hotelbereich mit seinen Aufzügen liegen die Büroetagen, die bis ins 32. OG reichen und von einer Fünfergruppe direkt angefahren werden.

Bei der Gelegenheit verzichtete man auch auf die Zielwahlsteuerung, die für die Hotelaufzüge vorgesehen war. „Einerseits ist solch eine Steuerung erklärungsbedürftig, andererseits wechselt das Publikum“, erklärt Albrecht. Zudem verkleinerten die Planer die Fünfergruppe des Hotels um eine auf vier Anlagen, hoben dafür die Maximalgeschwindigkeit der Aufzüge von 2,5 auf 3 m/s an. „Bei etwa gleicher Leistungsfähigkeit bekommen wir so noch einen Aufzug hinzu, der für den Service genutzt werden kann und bessere Abläufe im Hotel verspricht“, erklärt Albrecht.
 
Auch bei den Büro-Aufzügen vereinbarten Züblin als Generalunternehmer, die Strabag Real Estate als Bauherr und KONE einige Änderungen. Die wichtigste: Die Maximalbeschleunigung wurde von 1,2 auf 1,0 m/s verringert. Und die Konsequenz? „Die Fahrzeitverlängerung ist minimal. Dafür ist es angenehmer für Nutzer, es macht die Antriebe kostengünstiger und schont die Komponenten“, sagt der KONE Projektleiter.

Hätte man sich das alles nicht vorher überlegen können? Leicht gesagt. Doch nach der Auftragsvergabe sieht die Welt anders aus als vor der Ausschreibung. Und so zeigen sich Optimierungspotenziale oft erst dann, wenn das Gebäude schon im Bau ist. „Wenn dann der Generalunternehmer eine Lösung hat, die im Ergebnis dieselbe Funktion erfüllt, aber Kosten einspart, stimmt der Bauherr in den allermeisten Fällen zu“, erklärt Dellin. Wie die verringerte Beschleunigung, die KONE angeboten hatte.

KLETTERPARTIE

Langsam klettert der stählerne Käfig des Bauaufzugs an der Fassade nach oben. Zwei-, dreihundert Bauarbeiter und Handwerker sind jetzt jeden Tag auf der Baustelle. Ohne die zahnradgetriebenen Außenaufzüge müssten sie zu Fuß laufen. Jetzt genießen sie sogar den kleinen Luxus eines Aufzugführers, der schweigend die Fahrtwünsche seiner Fahrgäste erfüllt und das den ganzen lieben langen Tag lang. „Meine Frau braucht viel Geld“, sagt er sarkastisch, während der Käfig ratternd und ruckelnd Etage für Etage erklimmt.

Immer weiter reicht der Blick. Hinterm Tiergarten, Berlins grüner Lunge, werden der Glasbau des Hauptbahnhofs und der Kubus des Kanzleramts erkennbar. Unten sieht man einen Lkw, der gerade in die schmale Baustraße eingefahren ist und nun eilig entladen wird. So schnell wie möglich soll er Platz machen für die nächste Fuhre.

Mehr Platz zum Anliefern und Lagern wäre schon praktisch, auch für die Aufzugmontage. Allerdings hätte dafür die Kantstraße vollends gesperrt werden müssen. Schon jetzt ist der direkte Weg von Bahnhof Zoo zum Bikinihaus und zum Breitscheidplatz ein Nadelöhr. So bleibt nur wenig Raum zwischen den Dutzenden neben- und übereinander gestapelten Bau- und Bürocontainern einerseits und der Fassadenfront des Turms.

„Die wollen wir endlich dicht machen“, sagt Dellin. „So bald wie möglich.“ Denn erst wenn die Fassade geschlossen ist, kann der Innenausbau fertiggestellt werden. Doch dafür müssen die drei temporären Außenaufzüge weichen, die Mensch und Material über die 33 Stockwerke des knapp 118 m hohen Turms verteilen. Und das wiederum geht nur, wenn die Aufzüge innen laufen. Denn dann werden sie – zwei Feuerwehraufzüge der Bürogruppe und zwei Anlagen der Hotelgruppe – Lasten und Leute in der verbleibenden Bauphase durchs Gebäude transportieren. Womit sich die Eile erklärt, mit der Vlado Balija und die anderen Monteure in zwei Schichten zugange sind.


GANZ OBEN 

Endlich geht das Gitter nach oben. Durchgeschüttelt verlassen die Passagiere den Außenaufzug – und stehen im Nichts. Boden und Decke sind aus rohem Beton, nur ein Holzgeländer trennt die Besucher vom Abgrund. „Immerhin“, sagt KONE Baustellenleiter Holger Weigand. „Als wir mit der Montage der Büroaufzüge begonnen haben, waren die oberen Etagen noch gar nicht betoniert. Da war hier nur Luft.“ Heiße Luft, möchte man angesichts der Hitze hinzufügen.

Eigentlich hat Weigand gar keine Zeit. Wenn er nicht die Monteure anleitet oder etwas mit seinem Chef Jens Albrecht zu besprechen ist, montiert er ebenfalls. Aber jetzt nimmt er sich doch die Zeit für die Besucher, die den Ausblick und die Stille genießen; lange wird sie nicht mehr anhalten hier oben.

DAS TOR ZUM WESTEN

Nach der Wende lag die westliche Berliner Innenstadt zunächst im Schatten der alten Mitte zwischen Friedrichstraße, Alexander- und Potsdamer Platz, die sich stürmisch entwickelte. Doch das Blatt hat sich gewendet. Unter den diversen Bauvorhaben ragen das „Zoofenster“ und der von Strabag Real Estate entwickelte „Upper West“ hervor, die zu beiden Seiten der Kantstraße, zwischen Bahnhof Zoo und Gedächtniskirche, entstehen – gleichsam als Tor zur City West. Der Upper West soll bis Anfang 2017 fertiggestellt sein, einschließlich des Riegelgebäudes, das Platz für Büros und Einzelhandelsflächen bietet.

Seit Besuch des Redakteurs im Juni 2016 sind die Arbeiten weiter vorangeschritten: Nach den zwei Außenaufzügen ist auch der Lastenaufzug verschwunden, sodass nun die Fassade geschlossen werden kann. Doch der Innenausbau ist bereits in vollem Gange. Auch bei den Aufzügen geht es voran: Alle zehn Anlagen des Turms sind fertig montiert und eingeseilt, die Auskleidung der Kabinen läuft – mit Ausnahme der Aufzüge, die für die Bauarbeiten genutzt werden. Für Besucher werden die Anlagen später nur bedingt zugänglich sein: Sie werden durch das KONE Zugangskontrollsystem „Access“ gesichert. 
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KONE Kontakt: Frank Altmann, Vertrieb Großprojekte, frank.altmann@kone.com.
Jens Albrecht, Projektleitung, jens.albrecht@kone.com

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