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HISTORIE

EIN AUFZUG DER
BESONDEREN ART

Aufzüge für Personen- und Warentransporte? Gehören zum Alltag. Autoaufzüge? Werden eingesetzt, um Straßen und Stellplätze in Parkhäusern ohne Rampen zu verbinden. Und Schiffe?

D
as Schiffshebewerk Niederfinow liegt am Havel-Oder-Kanal nordöstlich von Berlin. Als ältestes Schiffshebewerk Deutschlands, das noch in Betrieb ist, erfreut es sich auch als Ausflugsziel großer Beliebtheit: Rund 150.000 Besucher kommen im Jahr nach Niederfinow, um den historischen „Schiffsaufzug“ zu bewundern.

Als der Havel-Oder-Kanal 1914 als „Hohenzollern-Kanal“ in Betrieb ging, bestand die größte technische Herausforderung darin, in der Nähe der Gemeinde Niederfinow einen Geländesprung mit einem Höhenunterschied von 36 m auszugleichen. Hierzu sollte entweder eine Schleusentreppe oder ein Schiffshebewerk gebaut werden. Im Laufe der Jahre wurden verschiedene Möglichkeiten eines Schiffshebewerkes ausgearbeitet, gebaut wurde zunächst jedoch eine Schleusentreppe.

Der Bau eines Schiffshebewerkes wurde vertagt, bis eine ausgereifte, technisch zuverlässige Lösung zur Verfügung stand. Nach dem ersten Weltkrieg gingen die Überlegungen und Bemühungen weiter, bis die Akademie des Bauwesens 1927 einen Entwurf des Reichsverkehrsministeriums billigte. Somit war der Weg für den Bau des Schiffshebewerks Niederfinow frei, und es entstand ein hochsolides, zuverlässiges Werk der Technik, das im März 1934 den Betrieb aufnahm.
  

HEBEN UND SENKEN

Das Schiffshebewerk ist eine riesige Maschine: Es besteht aus einer 14.000 t schweren, durch fünf Millionen Niete zusammengehaltenen Stahlkonstruktion, die 60 m hoch, 94 m lang und 27 m breit ist. Hinzu kommt die ebenfalls genietete 157 Meter lange Brücke, die aus 4.000 t Stahl besteht und das Hebewerk mit dem oberen Kanallauf verbindet. Und auch der Grundbau hat es in sich: Die neun Pfeiler aus stahlbewehrtem Beton sind mit Druckluft 22 Meter ins Erdreich eingebracht worden, um tragfähige Bodenschichten zu erreichen. Die Bodenplatte ist 111 m lang, 34 m breit und 8 m dick.

Herzstück des Hebewerks ist der Schiffstrog, der bewegliche Teil der Konstruktion, in dem die Schiffe gehoben bzw. gesenkt werden. Der Trog, der auf beiden Seiten durch Hubtore geschlossen wird, wiegt in gefülltem Zustand 4.300 t. Das Gewicht ändert sich nicht, wenn ein Schiff hinein- oder hinausfährt – denn dann strömt genauso viel Wasser ab oder zu, wie das Schiff wiegt. Der Trog hängt an 192 Stahlseilen. Sie werden über Seilscheiben von 3,5 m Durchmesser geführt, die sich in den Hallen des obersten Stockwerkes befinden. An ihren Enden tragen die Seile Gegengewichte, die das Gewicht des Troges vollständig ausgleichen. Zur Bewegung dienen vier Zahnräder, die an langen Zahnstockleitern aufund ablaufen und durch 55 kW starke Gleichstrommotoren angetrieben werden.

Der Höhenunterschied von 36 Metern wird dabei in nur fünf Minuten überwunden. Das entspricht einer durchschnittlichen Fahrgeschwindigkeit von 12 cm/s, die nach einem Meter Trogfahrt bzw. nach 20 Sekunden erreichet wird. Mit den Ein- und Ausfahrmanövern benötigt ein Schiff ca. 20 Minuten für die Durchfahrt.

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Der Schiffsaufzug in Niederfinow befördert jährlich rund 11.000 Schiffe.


SEIT ÜBER 80 JAHREN IN BETRIEB

Das Schiffshebewerk Niederfinow arbeitete ursprünglich im 16-Stunden-Betrieb, bis es am 1. Mai 1994 wegen sehr hohen Verkehrsaufkommen in den 24-Stunden-Betrieb überging, um die Wartezeiten der Schiffe zu verkürzen. Mit jährlich rund 11.000 geschleusten Schiffen ist das Schiffshebewerk mittlerweile an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angelangt. Auch entspricht es in vielerlei Hinsicht nicht mehr den heutigen Anforderungen an die Länge und die Ladekapazität moderner Binnenschiffe.

Bereits 2009 wurde daher der Grundstein für das neue, größere Schiffshebewerk Niederfinow-Nord gelegt. Der altgediente Stahlkoloss, der sich trotz seiner imposanten Ausmaße so hervorragend in die Landschaft einpasst, soll aber noch mindestens bis 2025 genutzt werden – so lässt sich das Industriedenkmal auch weiterhin in Betrieb und aus nächster Nähe erleben. Der Besucherstrom nach Niederfinow wird also nicht abreißen.

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