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DIE RICHTUNG STIMMT 

Gut vorbereitet investieren Betreiber verstärkt in ihre Aufzüge: aus eigenem Interesse, aber auch vom Gesetzgeber angestoßen. Damit rüsten sie ihre Gebäude für die Zukunft.

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ie Aufzüge waren nach 18 Jahren Dauerbetrieb so anfällig, dass die Leute gleich die Treppe genommen haben“, sagt Hausmeister Siegfried Schneider vom Gebäudedienstleister Eubag. Plötzlich piepst es. Der 60-Jährige guckt aufs Smartphone: eine Störmeldung. Eine Kabinentür klemmt. „Da ist wohl wieder einer zu lange in den Türen stehengeblieben.“

2015 wurden die neun Aufzüge im Münchner „Arnulfbogen“ generalüberholt. Knapp zwei Jahrzehnte nach Inbetriebnahme waren sie weder technisch noch optisch auf der Höhe der Zeit. Den Anstoß gab der Wechsel des Eigentümers. „Wir wollten das Gebäude im Ganzen wieder attraktiver machen“, sagt Caroline Mayer-Berg von Art-Invest.

Das Unternehmen steckte eine Menge Geld in den Bau, dessen 25.000 Quadratmeter Fläche derzeit von 12 Unternehmen genutzt werden. Dazu wurden die Eingangsbereiche aufgehübscht, Flure gestrichen, schicke Orientierungstafeln montiert, neue Türsysteme installiert und die Aufzüge aufwendig mit Glaspaneelen ausgestattet. Die neuen Dachterrassen sind fast fertig.
 
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Nach 18 Jahren Betrieb wurden die Aufzüge im Arnulfbogen erneuert.

Auch hinter den Kulissen tat sich einiges. Das Mess-Steuer-Regelsystem wurde durch moderne Gebäudeleittechnik ersetzt. Dieser Austausch war Voraussetzung für die zwischenzeitlich abgeschlossene LEED-Gold-Zertifizierung, aber auch für dieVerbindung der Haustechnik mit den Aufzugsteuerungen, die ebenfalls erneuert wurden. Seither melden sich die Anlagen bei Hausmeister Schneider persönlich, wenn sie etwas auf dem Herzen haben.

„Wir wollen natürlich, dass unsere Anlagen auf dem Stand der Technik sind, kurz: dass alles sicher ist“, sagt Frank Herrmann, der bei Art-Invest für die Technik im „Arnulfbogen“ verantwortlich ist. „Aber es muss natürlich alles budgetiert werden.“ Weshalb sich Art-Invest mit Modernisierungs-Aufzugvertriebler Christian Schweiger darauf verständigte, 2015 erste Maßnahmen umzusetzen.

So wurden die Kabinenausstattung und die Steuerungen erneuert, dazu die Anzeige- und Bedienelemente getauscht und diverse Sicherheitseinrichtungen im Schacht nachgerüstet. Weitere Leistungen, die aus geänderten Vorschriften resultieren, werden 2017 umgesetzt. Schweiger wird das Projekt weiter begleiten. 

SICHERHEIT NACH NORM

Auf die Aufzugbetreiber kommt derzeit einiges zu. Seit Überarbeitung der Betriebssicherheitsverordnung gelten sie in den meisten Fällen als Arbeitgeber. Als solche tragen sie Verantwortung für alle, für die der Aufzug Arbeitsmittel ist: der Wartungsmonteur, die Reinigungskraft, der eigene Mitarbeiter und andere mehr.

Was aber sicher heißt, ergibt sich aus dem Stand der Technik, der bis 2017 durch zwei parallel gültige Neubaunormen – die DIN EN 81-1/-2 und die DIN EN 81-20/50 – sowie die davon abgeleitete DIN EN 81-80 über die „Erhöhung der Sicherheit bestehender Personen- und Lastenaufzüge“ definiert wird. Ganz schön kompliziert. Oder?
 
Frank Gabriel wiegt den Kopf. „Eigentlich hat sich durch die Novelle der Verordnung nichts geändert“, sagt der Servicevertriebsleiter für die Region West. „Dass nur Aufzüge betrieben werden dürfen, die regelmäßig gewartet werden und auf dem Stand der Technik sind, gilt seit Einführung der Verordnung 2003.“ Nur zeige jetzt die Einstufung der Betreiber als Arbeitgeber eine gewisse Wirkung.

So steigt die Nachfrage nach Gefährdungsbeurteilungen (GBU), die KONE als „Sicherheitsanalyse zum Stand der Technik“ anbietet. Ein Anstoß war die KONE Roadshow im Frühjahr, die zahlreiche Betreiber zum Handeln veranlasste. So wie im Falle der Gemeinnützigen Gesellschaft für ambulante und stationäre Altenhilfe (GFA). Derzeit läuft die Analyse an den zwei Dutzend Anlagen, danach wird budgetiert, bis 2017 sollen alle Risiken behoben sein.

Ein weiterer Anstoß waren und sind die Berichte der Prüforganisationen, die auf die Notwendigkeit einer GBU hinweisen. Als diese darauf zeitweilig verzichteten, ging die Nachfrage gleich wieder zurück. „Es liegt offenbar in der Hand von Prüfern und Aufzugunternehmen, dass Anlagen auf den Stand der Technik gebracht werden: allein durch Information und Beratung“, sagt Gabriel. „Das ist zwar nicht die Rechtslage, aber die Praxis.“ 

WACHSENDE AUFMERKSAMKEIT

Das dürfte auch an der Komplexität des Themas liegen, die mit der neuen BetrSichV noch zugenommen hat. „Betreiber sind voll verantwortlich und sollen über die Gefährdungsbeurteilung Bescheid wissen, aber es wird ihnen schwer gemacht, das Thema zu verstehen“, bemerkt Gabriel. Da ist was dran. Schon auf die Frage, ob die GBU Pflicht ist, geben zwei Leuten drei Antworten.

„Tatsächlich sollte die GBU alle zwei Jahre zumindest erwogen werden. Gab es bislang also keine GBU oder liegt die letzte zehn Jahre zurück, so ist sie jetzt in jeden Fall fällig“, sagt Vertriebler Schweiger. „Bei Nutzungsänderungen des Gebäudes oder einzelner Teile – etwa durch Einzug einer Arztpraxis in ein Wohngebäude – ist die GBU ebenfalls erforderlich.“

Andererseits gibt es deutliche Anzeichen, dass die Betreiber dem Thema generell mehr Aufmerksamkeit als bislang widmen. Das verrät der jährliche Anlagensicherheitsreport der TÜV-Dachorganisation VdTÜV: Ging die Zahl der geprüften und damit in Wartung befindlichen Anlagen bis 2011 zurück, steigt sie seither kontinuierlich an: von knapp 450.000 Anlagen 2011 und 2012 auf immerhin 534.000 im Jahr 2015.

Die jährlichen Zuwächse bei den Aufzügen in Wartung – rund 27.000 bis 30.000 von 2012 bis 2015 – lassen sich nicht allein mit den 15.000 bis 20.000 Anlagen erklären, die jährlich neu in Verkehr gelangen und sicher komplett im Service bleiben. Auch die von der novellierten Betriebssicherheitsverordnung geforderte Plakette, die jeden Nutzer in der Kabine erkennen lässt, wann die nächste Prüfung fällig ist, reicht zur Erklärung nicht aus. Es bewegt sich also was. Wenn auch langsam. Immerhin bleiben wohl 20 Prozent aller Aufzüge in Deutschland ungewartet. Das sind geschätzt mehr als 140.000 Anlagen, die daher auch nicht auf notwendige Sicherheitsmaßnahmen überprüft werden. Doch auch viele der in Wartung befindlichen Anlagen sind Kandidaten für eine grundlegende Sanierung. 16 Prozent aller Aufzüge, die KONE betreut, sind 40 Jahre oder älter – und nicht mehr oder nur durch unverhältnismäßig hohen Aufwand auf den Stand der Technik zu bringen. 

BUDGET MIT WEITBLICK

„Vor diesem Hintergrund wäre zu erwarten, dass Betreiber deutlich mehr Anlagen komplett erneuern“, sagt Kai Filipiak, Montageleiter der Region Nord. Doch die Kunden sind zurückhaltend, wie sich in den Beratungsgesprächen zeigt: Sie setzen auf den Austausch von Komponenten, so lange es eben geht. „Oftmals fehlen die notwendigen Rücklagen für einen Komplettaustausch oder sie sind bereits in andere Maßnahmen am Gebäude geflossen, zum Beispiel in die energetische Sanierung der Fassaden oder in die Dacherneuerung“, sagt Filipiak. „Da sprengt der Komplettaustausch den Rahmen.“
 

Entsprechend wichtig ist eine vorausschauende Budgetplanung. Hier sollte gemeinsam mit den Fachleuten abgewogen werden, welcher Weg sinnvoller ist: einzelne Komponenten Schritt für Schritt auszutauschen oder gleich den ganzen Aufzug zu erneuern, was oftmals günstiger kommt. Dabei sollten auch Möglichkeiten geprüft werden, Fördergelder der öffentlichen Hand in Anspruch zu nehmen, die in einem gewissen Rahmen Maßnahmen zur energetischen Sanierung und zur Schaffung von Barrierefreiheit bezuschusst. Letzteres trifft hauptsächlich bei einem Komplettaustausch zu.

VORSORGEN HILFT

In jedem Falle hilft es, wenn die Aufzüge regelmäßig instand gesetzt wurden. So wie bei der Kaiserslauterer Bau AG, dem städtischen Wohnungsunternehmen, dessen 28 Aufzüge unterschiedlicher Hersteller derzeit von einem KONE Modernisierungsmeister im Rahmen der Sicherheitsanalyse begutachtet werden. Harry Geib, der die Anlage bei der Bau AG betreut, ist sicher, dass sich die kurzfristig notwendigen Maßnahmen in einem überschaubaren Rahmen halten.

Als ehemals gemeinnütziges Unternehmen investierte die Bau AG seit Jahren erhebliche Summen in ihre Gebäude und auch in den Erhalt der Aufzüge, die zwischen 1973 und 2013 in Verkehr gebracht wurden. „Wir haben immer mehr als Notinstandhaltung gemacht. Die Anlagen sind in Vollwartung, erforderliche Arbeiten werden regelmäßig beauftragt“, sagt er. Dennoch hat er schon 2015 sein Budget erhöht. Vorsorglich. „Die Erneuerung der Steuerungen wird wohl der größte Posten sein“, sagt Geib, der bei der Gelegenheit auch die Kabinenauskleidungen überholen lassen möchte.

Genaueres wird er im Herbst erfahren, wenn die Sicherheitsanalyse fertig ist. „Dann werden wir zusammen mit Servicevertriebsleiter Frank Gabriel und seinen Mitarbeitern einen Instandsetzungs- und Modernisierungsplan erstellen“, sagt er. Erst kommt die GBU mit der Umfeldbetrachtung (siehe Kasten), dann die Modernisierung: So ist eigentlich der Ablauf. Viele Betreiber mögen es aber lieber andersherum. „Da wir wissen, worauf es ankommt, können wir die Anlagen so erneuern, dass die GBU nachher mängelfrei ist“, sagt Gabriel. Rechtlich, aber auch der Sache nach sei die Reihenfolge egal. „Entscheidend ist, dass etwas für die Sicherheit der Anlagen getan wird.“ 
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KONE Kontakt: Christian Schweiger, 089-87186-26, christian.schweiger@kone.com

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